Grippeviren sind wegen ihrer Anpassungsfähigkeit gefürchtet: Veränderung im Erbgut können sie unberechenbar machen. Forscher wissen jetzt, welche Mutation für die Resistenz gegen das Grippemedikament Tamiflu verantwortlich ist - und warum sie sich immer weiter ausbreitet.
Was verordnet ein Arzt bei einer echten Grippe? Früher war es Bettruhe - heute ist es häufig Oseltamivir, besser bekannt als Tamiflu. Eine rechtzeitige Behandlung kann zumindest die Heilung beschleunigen und die Gefahr von Komplikationen senken. Auch das Sterberisiko - bei bestimmten Risikogruppen kann eine Influenza mitunter tödlich verlaufen - soll durch Tamiflu gesenkt werden.
Doch seit geraumer Zeit schwächelt das Medikament. Nicht nur, dass viele Experten an der viel gepriesenen Wirksamkeit zweifeln: Wie bei vielen Erregern treten auch im Erbgut von Grippeviren Mutationen auf, durch die das Virus gegen Tamiflu resistent wird. Dann ist eine Behandlung von vornerein sinnlos. In der Grippesaison 2007/2008 war es weltweit schon zu zahlreichen Fällen gekommen, bei denen das Medikament nicht mehr half. Jetzt haben Forscher die Mutationen gefunden, die hinter der Ausbreitung resistenter Erreger stecken.
Die Gruppe um den Nobelpreisträger David Baltimore hofft, dass ihre Erkenntnisse dazu beitragen, bei bestimmten Viren die Zeichen einer künftigen Medikamentenresistenz zu entdecken. Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern.
Hemmende Wirkung geht verloren
Das Team um Baltimore vom California Institute of Technology (Caltech) in Pasadena untersuchte H1N1-Viren, die die Schweinegrippe und auch die Spanische Grippe von 1918 auslösten. Um sich ausbreiten zu können, brauchen die Viren ein bestimmtes Enzym: Die Neuraminidase hilft den Viren, die Wirtszelle wieder zu verlassen, nachdem sie sich darin vermehrt haben. Der Wirkstoff Oseltamivir hemmt gezielt diese Enzyme, um die Ausbreitung der Viren zu verhindern.
Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science" schreiben, ist die Mutation H274Y für die Medikamentenresistenz verantwortlich. Die Mutation betrifft einen einzelnen DNA-Baustein im genetischen Code für die Neuraminidase: Anstelle der Aminosäure Histidin sitzt in der mutierten Version der Neuraminidase die Aminosäure Tyrosin. Diese molekulare Veränderung allein reicht aus, dass der Wirkstoff das Enzym nicht mehr hemmen kann.
Bereits seit 1998 ist das nun untersuchte mutierte Influenza A-Virus bekannt. Auch die Neuraminidase-Mutation sei schon seit Jahren identifiziert. Allerdings dachte man bisher, durch diese Mutation würde der Erreger seine Wirkung verlieren. Der Grund: Durch die Mutation gelangen weniger Neuraminidase-Moleküle auf die Oberfläche der Wirtszelle.
Doch im Winter 2007/2008 seien diese resistenten Viren plötzlich überall aufgetaucht, schreiben Baltimore und seine Kollegen. In der Grippesaison 2008/2009 sei deutlich geworden, dass das gängige Tamiflu nicht mehr bei dieser saisonalen Grippe angewendet werden konnte, heißt es in einem Begleitstück zur Studie in "Science".
Offenbar, so die Forscher, hätten sich neben der H274Y-Mutation auch noch weitere Mutationen entwickelt, die den schwächenden Effekt der H274Y-Mutation wieder aufheben. Zwei solcher Veränderungen im Erbgut von H1N1 seien bereits aufgetaucht, bevor sich die Erreger mit der H274Y-Variante ausgebreitet habe. Auf diese Weise habe die Evolution der Tamiflu-Resistenz ihren Lauf genommen.
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