Do
05
Nov
2009
Schweinegrippe fordert weitere Tote in der Ukraine
Die Schweinegrippe-Welle in der Ukraine nimmt immer größere Ausmaße an. Inzwischen sind dort offenbar mehr als 90 Tote zu beklagen, eine halbe Million Menschen sollen infiziert sein. Auch in Deutschland ist die Zahl der Todesopfer gestiegen.
Fußballfans mit Masken (beim Spiel von Dynamo Kiew gegen Inter Mailand am 4. November): Die ukrainische Regierung versucht, die Epidemie einzudämmen
Kiew/Frankfurt am Main - Die Schweinegrippe verbreitet sich in der Ukraine derzeit mit enormer Geschwindigkeit. 93 Menschen seien inzwischen gestorben und fast eine halbe Million infiziert, berichtete der ukrainische Fernsehsender Fünfter Kanal am Mittwoch. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte die Zahl der Schweinegrippe-Toten in der Ukraine zuletzt auf 70 taxiert, allerdings stammt diese Zahl vom 2. November.
Die WHO rechnet damit, dass es sich bei den Erkrankungen in der Ukraine vorwiegend um Schweinegrippe handelt. Weil das H1N1-Virus inzwischen weltweit zum dominanten Influenza-Stamm geworden sei, könne davon ausgegangen werden, dass auch die meisten Grippefälle in der Ukraine davon ausgelöst worden seien, hieß es in einer WHO-Mitteilung. Die genaue Zahl der nachgewiesenen Schweinegrippe-Todesfälle war weiter unklar. Nach WHO-Angaben laufen die meisten Nachweisverfahren noch.
In der Ukraine kam es zuletzt zu widersprüchlichen Informationen über das Ausmaß der Schweinegrippe - auch wegen der Machtkämpfe vor der für Januar geplanten Präsidentenwahl. Während der
Staatschef Viktor Juschtschenko von einer Epidemie sprach, sagte die Regierungschefin Julia Timoschenko, es handele sich nur um wenige Fälle. Weil die Ukraine kein Geld zur Bekämpfung der
Schweinegrippe hat, haben mehrere Länder bereits Hilfe geleistet oder angekündigt.
Der Ausbruch in der Ukraine könne Aufschluss darüber geben, wie sich das pandemische H1N1-Virus in der nördlichen Hemisphäre während der Wintermonate verhalte, teilte die WHO mit. Die Organisation empfahl bei Krankheitssymptomen dringend die Behandlung mit Medikamenten. Insgesamt halten sich neun WHO-Experten im Land auf, um vor allem in der schwer getroffenen Westukraine die Lage zu analysieren. Wegen der Epidemie sind in der Ukraine zunächst für einen Zeitraum von drei Wochen alle Bildungseinrichtungen und Kindergärten geschlossen sowie Veranstaltungen mit größeren Menschenmengen verboten.
Neunter Todesfall in Deutschland
In Deutschland ist die Zahl der Toten im Zusammenhang mit der Schweinegrippe auf neun gestiegen. Am Mittwoch wurden zwei Todesfälle in Baden-Württemberg bekannt. Eine 52-jährige Schweinegrippe-Patientin starb am Mittwoch in Stuttgart. Die Frau habe an einer chronischen Vorerkrankung gelitten, teilte das baden-württembergische Sozialministerium mit. "Aussagen zum ursächlichen Zusammenhang des Erregers mit dem Eintritt des Todes können derzeit noch nicht gemacht werden", hieß es weiter.
Bei dem zweiten Todesopfer handelt es sich um einen 29 Jahre alten Mann. Er litt seit Jahren unter schwersten Erkrankungen der Niere und Leber und war auf der Warteliste für eine Organtransplantation, wie das Universitätsklinikum Heidelberg am Mittwoch mitteilte. Der Mann sei bereits am Sonntag gestorben.
Auch in Berlin wurde bei einem an Herz-Kreislauf-Versagen gestorbenen 40-Jährigen der Schweinegrippe-Erreger nachgewiesen. Eine Obduktion solle jetzt klären, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Tod des Patienten und der Infektion gibt, teilte der Gesundheitssenat mit.
Wegen der steigenden Zahl der Schweinegrippe-Erkrankungen sollten sich nach Einschätzung von Fachärzten auch Kinder unter drei Jahren gegen das H1N1-Virus impfen lassen. Zuverlässige Studiendaten aus anderen europäischen Ländern und zum Teil auch aus Deutschland zeigten, dass bereits sehr junge Kinder die Impfung ohne schwerwiegende Probleme vertragen könnten, erklärte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann.
Sorge um Erfolg der Impfkampagne
Weil voraussichtlich schwere Erkrankungen fälschlich als Nebenwirkungen der Impfung angesehen werden, sorgen sich Experten um den Erfolg der Impfkampagne. Nach Berechnungen eines internationalen Expertenteams ist bei einer Impfung von 30 Millionen Bundesbürgern damit zu rechnen, dass drei Menschen innerhalb einer Woche danach plötzlich sterben, zehn weitere an der aufsteigenden Nervenlähmung Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und 20 Menschen an einer Entzündung des Sehnervs erkranken werden. Bei 280 von 100.000 Schwangeren seien spontane Schwangerschaftsabbrüche innerhalb einer Woche nach der Impfung zu erwarten. Diese Fälle spiegelten aber lediglich die normale Erkrankungsrate in der Bevölkerung wider und würden daher auch unabhängig von der Impfaktion eintreten, betonen die Autoren der Studie, die am vergangenen Wochenende im britischen Fachblatt "The Lancet" veröffentlicht wurde.
Tiere scheinen dagegen kaum etwas mit der Seuche zu tun zu haben. "Bisher deutet nichts darauf hin, dass Tiere irgendeine besondere Rolle in der Verbreitung des pandemischen H1N1-Virus unter Menschen spielen", erklärte die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) am Mittwoch in Paris. Influenzaviren können unter anderem Geflügel und Schweine infizieren.
Die Gesundheitstests, die bei für den Welthandel bestimmten Tieren vor deren Export durchgeführt werden, reichten aus, so die OIE. Für den Handel "mit lebenden Schweinen oder anderen Tieren und ihren Produkten sind keine besonderen Maßnahmen nötig". Das gelte auch für Labortests.
(Spiegel)
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