Mo
02
Nov
2009
Zweite Schweinegrippe-Welle in Deutschland
Zahl der Neuerkrankungen in den letzten Tagen stark gestiegen
Die von Experten befürchtete zweite Welle der Schweinegrippe hat Deutschland erfasst. Trotz eines schleppenden Auftakts der bundesweiten Schweinegrippe-Impfung sehen die Gesundheitsbehörden die grösste Aktion dieser Art in der Geschichte des Landes auf einem guten Weg.
Die Zahl der wöchentlichen Neuerkrankungen schnellte zuletzt von 1860 auf 3075 nach oben, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) am Montag in Berlin mitteilte. Das Institut bezog sich auf neueste Zahlen für die 42. und 43. Kalenderwoche. «Die Welle hat begonnen», sagte RKI-Präsident Jörg Hacker. Insgesamt wurden demnach hierzulande bisher 29'907 Fälle der neuen Grippe registriert. Es werden auch mehr Todesfälle erwartet, bisher wurden sechs mit dem Erreger H1N1 in Verbindung gebracht.
Trotz eines schleppenden Auftakts der bundesweiten Schweinegrippe-Impfung in der vergangenen Woche sehen die Gesundheitsbehörden die grösste Aktion dieser Art in der Geschichte des Landes auf einem guten Weg. Die Immunisierung gegen das Virus sei in allen Bundesländern angelaufen, sagte der Sprecher des Thüringer Gesundheitsministeriums, Thomas Schulz, am Montag der Nachrichtenagentur AP. Thüringen hat derzeit den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz inne.
Schleppender Auftakt zur Impfung
Der Sprecher räumte ein, dass der Auftakt mitunter schleppend gewesen sei und es vereinzelt schwankende Liefermengen gebe. Das sei aber im
Produktionsprozess begründet und von vornherein bekannt gewesen. Von einem Lieferengpass oder Pannen bei der Versorgung könne keine Rede sein.
In den meisten Bundesländern war die Impfaktion vergangene Woche mit der Immunisierung des sogenannten Schlüsselpersonals gestartet. Dazu zählen wichtige Berufsgruppen wie Ärzte, Schwestern, Rettungskräfte und Polizisten. Mitunter konnten sich aber bereits alle Patienten impfen lassen. Ministeriumssprecher Schulz sprach von einer Impfbereitschaft zwischen 10 und 30 Prozent beim Schlüsselpersonal. Die Bereitschaft der Bevölkerung insgesamt werde weiter zunehmen, sobald es noch mehr Krankheitsfälle gebe. Diese Einschätzung teilt auch das Robert-Koch-Institut.
Dessen Präsident Hacker sagte, die Impfbereitschaft werde ausserdem mit zunehmender Information über die Aktion steigen. Nach seiner Einschätzung kann die Schweinegruppe auch bei Menschen ohne Vorerkrankungen einen schweren Verlauf nehmen. Im ZDF sagte er, Deutschland sei bisher das Land mit den wenigsten schweren Verläufen gewesen. «Aber wenn wir mehr Fälle haben in Deutschland, werden auch diese schweren Fälle zunehmen», betonte er. Der Fall einer 48-jährigen Frau, die in der vergangenen Woche an der Bonner Uni-Klinik ohne Vorerkrankung an den Folgen der Schweinegrippe starb, sei nicht überraschend gewesen.
Ungewissheit um Mutationen des Virus
Der Leiter des Bonner Instituts für Virologie, Christian Drosten, geht davon aus, dass die Zahl der Todesfälle weiter steigt, er rief
die Bevölkerung zur Impfung auf. Auch RKI-Präsident Hacker riet dringend zu der Immunisierung: «Wenn geimpft wird, hat das Virus nicht die Möglichkeit zu mutieren», betonte er. Bisher könne nicht
mit Gewissheit vorausgesagt werden, ob das Virus sich überhaupt verändere, möglicherweise aggressiver werde.
Deutschland ist nach Ansicht der Ländergesundheitsminister jedenfalls für alle Fälle gerüstet. Das umfasse nicht nur die Impfmenge von insgesamt 50 Millionen Dosen, die bis Ende Februar 2010
ausreichen soll, sondern auch die Versorgung mit antiviralen Medikamenten, die im Ernstfall zum Einsatz kommen.
(NZZ)
