Di

13

Okt

2009

Angst vor der großen Seuche

Stuttgart - Gibt es die Schweinegrippe noch? Während und nach den Sommerferien ist die vorhergesagte Pandemie in Vergessenheit geraten. Eigentlich hatte man damit gerechnet, dass massenhaft Touristen den Erreger der Schweingrippe als "Souvenir" aus Großbritannien oder Mallorca mitbringen. Von möglichen Schulschließungen war die Rede, die Sorge um den normalen Ablauf des öffentlichen Lebens groß. Und wie schon bei anderen Seuchen, wie etwa BSE, Sars oder Vogelgrippe, drohte die Schweinegrippe in einer überzogenen Hysterie zu enden, die mit der Realität nichts zu tun hatte.


Und tatsächlich ist bis jetzt noch nichts passiert: In Deutschland ist nach Angaben des zuständigen Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) bei 21.603 Menschen eine Infektion mit dem Virus nachgewiesen worden. Zwei Patienten, die allerdings schwere Vorerkrankungen hatten, sind gestorben. Was diese Zahlen nicht aussagen: Die meisten Patienten sind längst wieder gesund. Derzeit geht man von etwa 900 akuten Fällen aus.

 

Schon nachdem die ersten Schweinegrippefälle bekannt wurden, warnte das RKI vor einer Panik. Schließlich verläuft die Erkrankung bisher völlig harmlos. Dennoch empfiehlt die an dieser Behörde angesiedelte Ständige Impfkommission (Stiko) die Impfung gegen das H1N1-Virus. Vorrangig sollten sich Mitarbeiter im Gesundheitswesen und chronisch Kranke immunisieren lassen. RKI-Präsident Jörg Hacker begrüßt diese Empfehlung. Der Molekularbiologe warnt davor, den milden Krankheitsverlauf zu unterschätzen. Denn das Virus könnte sich genetisch verändern und somit gefährlicher werden. Daher sei eine Massenimpfung zu verantworten.

 

Allerdings gibt es auch eine große Anzahl von Menschen, die nicht geimpft werden möchten - dazu zählen auch viele Personen aus der medizinischen Versorgung. Sie fürchten die Nebenwirkungen der neu entwickelten Impfstoffe. Die meisten Impfseren sind mit Zusatzstoffen bestückt, sogenannten Adjuvantien. Diese verstärkenden Zusatzstoffe werden eingesetzt, weil damit das körpereigene Abwehrsystem besser aktiviert wird. Ärzte sprechen von einer breiteren Immunantwort. So erzielt man mit weniger Grippeviren pro Dosis eine bessere Abdeckung gegen diesen Typ von Virus. Außerdem werden durch den Einsatz der Verstärker auch noch andere, abgewandelte Formen des Erregers mit abgedeckt - falls sich das Virus im Laufe der Zeit verändert.

Rötungen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen oder Schwitzen sind ganz normale Reaktionen des Immunsystems und könnten etwa bei jedem zehnten Geimpften auftreten. Weitaus größere Sorgen bereiten den Experten die seltenen Nebenwirkungen. Denn wenn Millionen von Menschen geimpft werden, könnten auch Beschwerden auftreten, die in klinischen Studien noch gar nicht auftauchen: Nebenwirkungen, die seltener als bei jedem Tausendsten auftreten, sind nicht kalkulierbar. Es könnten, so die Befürchtungen von Medizinern, beispielsweise Autoimmunerkrankungen oder Allergien ausgelöst werden - vor allem bei der relevanten Zielgruppe junger Menschen.

 

Deren Immunsystem könnte empfindlich geschwächt werden. Die Bundeswehr hat für ihre Soldaten einen eigenen Impfstoff bestellt, der ohne die umstrittenen Zusatztstoffe auskommt. Als schlimmes Beispiel für unerwartete Nebenwirkungen wird immer wieder der amerikanische Soldat David Lewis angeführt: 1976 starb er an einer Infektion mit H1N1, einer Variante des Erregers der Schweinegrippe. Lewis starb an einer seltenen Lähmung. Damals hatte die US-Regierung übereilt eine Massenimpfung gestartet, die nach dem Tod des Soldaten und dem unklaren Ableben weiterer Personen ein abruptes Ende fand.

 

Noch nicht endgültig geklärt ist die Zahl der notwendigen Impfungen. Bisher geht man davon aus, dass man sich zweimal pieksen lassen muss, um einen ausreichenden Schutz zu erhalten. Einige Studien, die teilweise noch nicht abgeschlossen sind, zeigen, dass vermutlich eine Impfdosis für den Schutz gegen das Virus ausreicht. Zudem scheint die erste Dosis auch sehr viel schneller zu wirken als angenommen. Eine australische Studie hat ergeben, dass eine Injektion mit einer handelsüblichen Dosis eines neu entwickelten Impfstoffes gegen die Schweinegrippe bereits drei Wochen nach der ersten Injektion bei den gesunden Versuchsteilnehmern einen ausreichenden Schutz garantierte.

 

Der Hysterie entgegenwirken

 

Man testet dies, indem man das Blut der geimpften Personen im Reagenzglas prüft: Bei einer Impfung bildet das Immunsystem Antikörper. Das sind Abwehrstoffe, die sich gegen das Virus richten und es kampfunfähig machen. Bei der getesteten Substanz handelt es sich um eine in China entwickelte Variante des Serums. Auch für andere Substanzen scheint sich das zu bestätigen, so dass nun auch die WHO eine Einzeldosis für ausreichend hält.

 

In Deutschland muss man die Impfstrategie noch erarbeiten. Man hat sich hierzulande für Pandemrix des Pharmakonzerns Glaxo-Smith-Kline entschieden. 50 Millionen Impfdosen sind bestellt. Sollte eine Injektion ausreichen, könnten doppelt so viele Menschen geimpft werden. Dies könnte einer erneut aufflammenden Hysterie entgegenwirken, weil damit niemand zu kurz kommen wird und auch Impfwillige geschützt werden können, die nicht zu den Risikogruppen zählen.

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